Vor ungefähr siebzehn Jahren verließ ich das Theater, an dem ich arbeitete, nach der Premierenfeier eines Musicals. Die Premiere war sehr erfolgreich verlaufen, und die Saison war bereits fast völlig ausgebucht. Es war meine erste Stelle nach erfolgreich absolviertem Diplom, und ich musste am nächsten Morgen wieder früh im Theater sein.
Als ich das Haus weit nach Mitternacht verließ, hielt mich Matt*, einer der Musical-Darsteller, auf, ein großer, hagerer junger Mann, ungefähr in meinem Alter. Ich hatte ihn an diesem Tag zum ersten Mal gesehen und war von seiner Vorstellung begeistert. Es war seine erste große Rolle und sie schien ihm wie auf den Leib geschnitten. Außerdem sah er gut aus, hatte eine warme Stimme, lange schwarze Locken und ein für einen Maori sehr europäisches Gesicht.
Nach der Vorstellung war ich in die Garderobe gegangen, um ihm zu gratulieren und hatte mich sehr erschrocken: gerade als ich eintrat, zog er sich die herrliche, lange Lockenpracht vom Kopf. Übrig blieb das markante Gesicht unter einem schwarzen Kurzhaarschnitt. Trotz der Enttäuschung über die Perücke gratulierte ich ihm zu der gelungen Vorstellung, was ihn offensichtlich sehr freute, doch dann unterbrach uns ein Journalist, der ein Interview führen wollte.
Bei Premierenfeiern herrscht immer viel Gewusel, viele Menschen sind da, die sich gern im Glanz einer gelungenen Premiere sonnen und auf Kosten des Theaters am Buffett (vor allem am flüssigen) berauschen. Man spricht mit vielen Leuten und hat am Ende dennoch den Eindruck, mit den wichtigsten wieder nicht gesprochen zu haben. Mit diesem Gefühl verließ ich also Stunden später das Theater, als besagter talentierter Jungschauspieler hinter mir herlief und mich aufhielt.
Etwas verlegen nahm er mich beiseite und druckste ein wenig herum. Wir standen ziemlich nah beieinander für neuseeländische Verhältnisse, rauchten eine Zigarette und dann noch eine, bis Matt schließlich mit seiner Frage herausrückte: “Birte, kennst du jemanden, der Gitarre oder Klavier spielt?”
Nach vier leidvollen Jahren klassischen Gitarrenunterrichts in meiner Jugend konnte ich ihm mich selbst nun als Lehrerin anbieten – die Idee gefiel mir sogar ausnehmend gut. Er fragte: “Ist das sehr schwer zu lernen?” Ich schwindelte, nein, es sei so schwer nicht, und fragte, wofür er das denn überhaupt machen wolle. Er gestand, dass er es nur für eine neue Rolle brauche. Er müsse entweder Klavier oder Gitarre spielen, denn es handele sich um eine Rolle im Musical “Buddy Holly”. Ich gratulierte und sagte, dann müssten wir uns wohl ein wenig beeilen und überlegte fieberhaft, wer mir selbst auf die Schnelle das Nötigste beibringen könnte. Matt trat von einem Fuß auf den anderen und eröffnete mir dann, dass er die Rolle genau genommen noch gar nicht habe, sondern erstmal nur zur Audition (dem Vorsingen) eingeladen sei.
“ Und wann ist diese Audition?”, fragte ich ihn.
“ Morgen”, sagte er.
Seit ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, habe ich Matts weiteren Weg nur noch aus der Ferne verfolgen können. Es hat ihm nicht geschadet, dass ich ihm keine Rockgitarre beibringen konnte und dass er nach jenem denkwürdigen Abend weder zum Casting ging, noch die Rolle bekam. Heute ist er einer der gefragtesten Schauspieler Neuseelands, dreht etliche Filme in Hollywood und hat seit einiger Zeit seine eigene Filmproduktionsfirma.
Nicht erst seit dieser Begegnung mit Matt interessiere ich mich für Menschen und ihre Geschichten, ihre Biographien, ihren Alltag, ihre Beweggründe. Gerade meine Arbeit am Theater (und später bei Film und Fernsehen) lehrte mich, dass sich hinter dem vielen Schein auch jede Menge überraschendes Sein verbergen kann, das man jedoch meistens erst erkennen wird, wenn man sich mit den Menschen etwas näher befasst, sich etwas Zeit nimmt, um ihre Geschichte kennenzulernen. Denn irgendeine ganz besondere Geschichte kann jeder erzählen. Mit diesem Blog möchte ich einige dieser Geschichten mit Ihnen teilen.
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Viel Vergnügen beim Lesen!
Birte Vogel (Dipl. Arts)
Drehbücher | Übersetzungen | Ghostwriting
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*Name geändert